Zur freien Verwendung : Nicole Grün interviewte u.a. mich zu Ruhestandscoaching

Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 11. Juli 2021, Karriere und Beruf, Seite 53.
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Zur
freien
Verwendung

Mit dem Tag des Renteneintritts
endet das Berufsleben – und es beginnt
die Suche nach neuen Aufgaben.
Wer seinen Ruhestand zum
Projekt machen will, kann dafür jetzt
spezielle Coachings buchen

VON NICOLE GRÜN

Gudrun Behm-Steidel liebte ihren Job als Professorin für Informationsmanagement an der Hochschule Hannover. „Trotzdem hat es mich vor zehn Jahren mit einem Burnout aus der Kurve getragen“, sagt die heute 62-Jährige. Damals habe sie gemerkt, dass sie der Job zu viel Energie kostete. Sie beschloss, etwas zu suchen, was nichts mit der Hochschule zu tun hat und ihr Spaß macht.

Behm-Steidel entschied sich für eine Coaching-Ausbildung, weil das lösungsorientierte Denken sie faszinierte. Obwohl sie erst nicht die Absicht hatte, tatsächlich als Coach zu arbeiten, stellte sie während der Ausbildung fest: „Das gibt mir Energie, auch wenn es nicht immer angenehme Themen sind. Man merkt, man ist wirksam, man kann jemandem helfen und sich selbst auch.“ Und weil die Professorin irgendwann das Gefühl hatte, als Coach mehr bewirken zu können als in der Hochschule, beschloss sie, zum frühestmöglichen Zeitpunkt in Pension zu gehen: „Das war bei mir mit sechzigeinhalb Jahren.“ Seither lebt Behm-Steidel in Wunstorf bei Hannover und auf Lanzarote und berät als Ruhestandscoach angehende Rentner.

Sie selbst bereitete ihren Ruhestand drei Jahre lang vor, denn der von ihr aufgebaute und geleitete Studiengang sollte reibungslos weiterlaufen – was am Ende nicht klappte, weil sich für sie kein Nachfolger fand. „Nicht alles ist gelaufen, wie ich wollte, und loslassen musste ich auch lernen“, sagt sie. „Damals hätte ich mir jemanden gewünscht, der mich durch den Prozess begleitet und neutral zuhört.“

Tatsächlich entdecken immer mehr Trainer den dritten Lebensabschnitt für sich. „Silbercoaching“, „Coaching 50plus“ oder „Un-Ruhe-Stand-Coaching“ nennen sich ihre Angebote. Was klingt wie ein weiterer Auswuchs des Coaching-Booms, hält Katharina Mahne für wichtig. Die 44-jährige promovierte Soziologin arbeitete lange am Deutschen Zentrum für Altersfragen, war Leiterin des Deutschen Alterssurveys, der größten deutschen Studie zum Thema Alter und Älterwerden, und bietet nun selbst Ruhestands-Coaching an.

Die Zielgruppe wird größer: Mit den Babyboomern gehen in den kommenden Jahren die geburtenstärksten Jahrgänge in Rente, die im Schnitt noch 20 Lebensjahre vor sich haben – und das meist bei guter Gesundheit, während Rentner früher oft völlig erschöpft waren und nur noch wenige Jahre zu leben hatten. „Die Babyboomer-Generation hat kaum positive Vorbilder für das Älterwerden, sie müssen ihr eigenes Vorbild sein“, sagt Mahne.

Der andere Grund für den steigenden Bedarf an Beratungsangeboten: „Aus der Forschung wissen wir, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel der Menschen Schwierigkeiten hat, sich an die neue Lebensphase anzupassen.“ Das ist kein Wunder: Der Übergang in den Ruhestand wird in der Lebenslauf-Forschung als ein kritisches Ereignis gesehen, das außerhalb des alltäglichen Erfahrungshorizonts liegt. „Deshalb greifen gewohnte Bewältigungsstrategien nicht.“ Andere kritische Lebensereignisse wie Umzüge, Jobwechsel oder die Geburt von Kindern mache man häufig mehrmals durch und lerne dadurch, mit ihnen umzugehen. „In den Ruhestand gehen wir dagegen nur einmal im Leben, deswegen kann es nicht geübt werden.“

Umso wichtiger ist es deshalb, sich auf ihn vorzubereiten: Wer den Ruhestand plant, dem gelingt laut Studien der Übergang leichter. Doch die meisten planen nicht, sondern stürzen sich unvorbereitet in die neue Lebensphase, sagt Mahne. Das liege auch daran, dass wir im Funktionsmodus sind, solange wir arbeiten, hat Gudrun Behm-Steidel beobachtet: „Man denkt von morgens bis abends an den Job, macht sich vielleicht noch Gedanken zur Übergabe, aber keine Gedanken darüber, was nach der Arbeit kommt.“

Der Urlaub sei noch fest eingeplant, danach werde es dünn. Dann kämen oft Standardaussagen wie „mehr Zeit mit der Familie verbringen“ oder „den Garten auf Vordermann bringen“. Aber reicht das für die nächsten 15 oder 20 Jahre? Die anstehende Transformation werde unterschätzt. Gerade jene, die sich stark mit ihrem Beruf identifizierten und neben der Arbeit wenig Interessen hatten, sind gefährdet: Sie fallen mit Eintritt in den Ruhestand nicht selten in ein Loch, fühlen sich leer und bedeutungslos. „Wenn man 40 oder 45 Jahre lang gearbeitet hat, ist man nicht mehr gewohnt, sich Tage frei zu gestalten, außer im Urlaub oder am Wochenende. Die Umstellung ist nicht ohne“, sagt Mahne.

Menschen müssen sich als selbstbestimmt und selbstwirksam erleben, damit es ihnen gut geht – das gelte auch für Rentner. „Und das geht nur, wenn ich mir Ziele setze, sonst steuere ich planlos vor mich hin.“ Wenn die vielen kleinen Projekte wie den Keller ausmisten oder das Wohnzimmer renovieren erledigt sind, braucht es etwas, das einen für längere Zeit erfüllt – denn auch die Enkel werden bald groß.

Möglichkeiten gibt es viele: Wer bereits ein Hobby hat, könnte darin noch mehr Zeit investieren. Sich ehrenamtlich zu engagieren, gibt ein Gefühl von Sinn. Immer mehr entscheiden sich auch dafür weiterzuarbeiten – ob in einem Minijob, als selbständiger Berater oder als Start-up-Gründer. Die Erwerbstätigenquote der 65- bis 69-Jährigen hat sich laut Statistischem Bundesamt innerhalb von zehn Jahren bis 2019 auf 18 Prozent mehr als verdoppelt.

Außerdem können neue Fähigkeiten erworben oder Kurse belegt werden, schließlich lernt man nie aus. Was davon für den Einzelnen infrage kommt, ist sehr individuell: „Es gibt keinen Ruhestand von der Stange“, sagt Behm-Steidel. Im Einzelcoaching sind konkrete Vorschläge fehl am Platz: „Jeder muss und sollte nach innen horchen und seinen eigenen Weg finden.“

Den Kontakt zu sich selbst aufzubauen, ist gar nicht leicht, denn: „Das hat man im Funktionsmodus weggedrückt, weil es uns leichter fällt zu funktionieren, wenn wir uns am Außen ausrichten und alle Erwartungen erfüllen.“ Am besten geschehe diese innere Rückkoppelung dadurch, dass man sich Fragen stelle: Wen bewundere ich und wofür? Welche Träume habe oder hatte ich früher? Was waren in den vergangenen Jahren meine schönsten Erlebnisse, in welchen Situationen fühle ich mich richtig wohl? Was würde ich machen, wenn Geld keine Rolle spielen würde?

„In Ratgebern stehen solche Fragen auch, aber wenn einem nicht gleich etwas dazu einfällt, packt man sie weg“, sagt Behm-Steidel. „Doch als Coach lässt man nicht locker. Oft kommt dann etwas hoch, der Blick des Gegenübers öffnet sich, ein Blitzen kommt in die Augen. Damit arbeitet man dann weiter.“ Häufig müsse der eigene, enge Denkrahmen gelockert werden, um größere Ideen zuzulassen und sich selbst die Erlaubnis zu geben – zum Beispiel das zu groß gewordene Haus zu verkaufen, das nur noch Arbeit macht und sich wie ein Klotz am Bein anfühlt.

Soziologin Mahne hat festgestellt, dass konkrete Arbeitsthemen oder Work-Life-Probleme oft in den Hintergrund rücken, je näher der Ruhestand heranrückt. Stattdessen kommen häufig Lebensthemen hoch, die in Vergessenheit geraten sind, weil man bisher keine Zeit hatte, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. „Frauen sind es gewohnt, sich ihr Leben lang nach anderen zu richten: nach den Kindern, dem Mann, dem Arbeitgeber, den Eltern, die sie pflegen. Dann fragen sie sich plötzlich: Was will ich eigentlich, wo bleibe da ich?“ Sie müssten oft erst lernen, Grenzen zu setzen und Nein sagen.

Bei Männern gehe es verstärkt darum, aus dem Höher-schneller-weiter-System auszusteigen und zu hinterfragen, warum man sich immer auspowern müsse, wem man damit eigentlich etwas beweisen wolle und was das mit anderen Themen in ihrem Leben zu tun habe. „Auch Glaubenssätze sind nicht zu unterschätzen: Die innere Überzeugung, erst etwas leisten zu müssen, bevor man sich erholen darf, ist etwa bei den Babyboomern stark ausgeprägt, weil sie auf Disziplin, Leistung und Durchhalten hin erzogen worden sind“, sagt Mahne. „Deshalb fällt es ihnen häufig schwer, sich zu entspannen, wenn sie davor nicht etwas Produktives gemacht haben.“

Seminare nutzt die Soziologin auch dazu, mit Vorurteilen über das Altern aufzuräumen: „Manche denken, sie gehen in Rente und laufen nach fünf Jahren am Rollator. Das ist total unrealistisch.“ Viele Leute hätten außerdem Angst vor Einsamkeit und schätzten, dass 50 bis 80 Prozent der Rentner darunter leiden. „Das ist eine Fehleinschätzung, nur sieben bis zehn Prozent sind von Einsamkeit betroffen. Einsamkeit ist eher ein Phänomen des hohen Alters und nicht von 65- bis 75-Jährigen.“

Ihnen helfe es oft, sich vor Augen zu führen, dass sie mit geburtenstarken Jahrgängen groß geworden und deshalb viele Leute in einer ähnlichen Situation seien. „Mit ihnen können sie sich vernetzen und noch mal loslegen.“ Und zum Beispiel Lesezirkel gründen oder sich Wandergruppen anschließen, die über einen längeren Zeitraum regelmäßig stattfinden. Natürlich ist es empfehlenswert, den Ruhestand trotz seines Namens aktiv zu gestalten. „Sich auf die faule Haut zu legen, entspricht uns Menschen nicht“, sagt Mahne. „Aber anstatt sich zu fragen, was man machen muss, sollte man immer wieder in sich hineinspüren und sich fragen: Was will ich denn gerade machen?“

Das sieht Gudrun Behm-Steidel ähnlich: „Man sollte sich nicht unter Druck setzen und das Gefühl haben, dass man sich nicht einfach mal zurücklehnen und seine Ruhe haben dürfe“, sagt die ehemalige Professorin, die dem Wort „Ruhestand“ einen anderen Begriff vorzieht, nämlich „Lebensphase Freiheit“.

Frei zu sein, das ist es, was sie an dieser Lebensphase am meisten genießt. Wie es Altersforscher empfehlen, gestaltete sie den Übergang in ihre freie Zeit gleitend: In der Hochschule setzte sie eine Weiterbildung auf und leitete sie noch zwei Jahre nach ihrer Pensionierung. Gemeinsam mit ihrem Mann kaufte sie ein Haus auf Lanzarote und tauschte das Eigenheim in Deutschland, das sich zunehmend wie Ballast anfühlte, gegen eine kleinere Mietwohnung ein. „Alles hat seinen Preis, das Leben in zwei Welten ist auch anstrengend“, sagt Behm-Steidel. „Aber ich coache, was ich lebe.“ In Lanzarote schreibt sie, malt, wandert, trifft sich mit Freunden. Und freut sich auf ihre Zoom-Coachings für angehende Ruheständler, die meist nachmittags oder abends stattfinden. „Ich fühle mich in der besten Zeit.“

Wenn man 40 oder 45 Jahre
lang gearbeitet hat,
ist man nicht
mehr gewohnt, sich
Tage frei zu gestalten,
außer im Urlaub
oder am Wochenende.“

KATHARINA MAHNE, SOZIOLOGIN

Tipps für einen sanften Übergang

Mit der Planung beginnen. Schon einige Jahre vor Renteneintritt sollte man damit anfangen, eine eigene Vorstellung vom Ruhestand zu entwickeln. Um herauszufinden, was einem neben der Arbeit eigentlich Spaß macht, sollte man sich bewusst Zeit einräumen. Oft ist die Rede von einer „Hin-zu-Motivation“: Wir alle wissen, wovon wir wegwollen. Aber was wollen wir stattdessen machen? Durch Experimentieren und Ausprobieren lässt sich das herausfinden. In die konkrete Planung sollte man mindestens anderthalb Jahre davor einsteigen. Diese Zeit ist nötig, um sich mit dem Arbeitgeber abzusprechen, Projekte abzuschließen oder die Nachfolge zu regeln.

Gleitenden Übergang schaffen. Wem es finanziell möglich ist, kann bereits in den letzten Berufsjahren die Arbeitszeit reduzieren. Studien belegen, dass Menschen besser mit der Umstellung zurechtkommen, wenn sie nicht von hundert auf null gehen. Oder man sucht sich nach Renteneintritt einen Minijob, um noch an einem Tag in der Woche eine Aufgabe zu haben.

Partner einbeziehen. Obwohl es naheliegend ist, wird oft vergessen, den Partner in die Pläne für den Ruhestand einzuweihen. Die Partnerschaft verändert sich durch den Renteneintritt, und nicht allen Paaren gelingt es gut, sich neu aufzustellen.

Auszeit und Neustart festlegen. Frische Ruheständler sollten sich bewusst eine Auszeit einräumen, die gerne zwei bis drei Monate dauern kann. In dieser Zeit können sie herausfinden, wie es ihnen geht, wenn sie einfach in den Tag hineinleben. Allerdings sollte man sich einen Termin setzen, auf den man zusteuert, etwa der Beginn eines Englischkurses oder die Suche nach einem Engagement. Im Berufsleben kommen die Anforderungen von alleine, im Ruhestand muss man selbst dafür sorgen.

Längere Projekte in Angriff nehmen. Statt hintereinander einzelne kleine Projekte abzuarbeiten, sollten man sich Projekte suchen, die über einen längeren Zeitraum tragen: etwa ein Ehrenamt, ein Sprachkurs oder regelmäßige Sportgruppen.

nic

Es fällt uns leichter
zu funktionieren,
wenn wir uns
am Außen
ausrichten und
alle Erwartungen
erfüllen.“

GUDRUN BEHM-STEIDEL, COACH

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content

 

 

 

 

Interview mit mir in Zeit Campus zum Doktoranden-Coaching

Die Redakteurin Katja Bosse schildert die Situation von vier Doktorandinnen und Doktoranden, die im Verlauf ihrer Dissertation alle irgendwann mal die „Krise gekriegt“ haben.

Im Interview fragt sie mich, wie ich die Situation als Coach sehe und wie sie sich ggf. durch Coaching verbessern lässt oder Fehler vermieden werden können.

Link zu Online-Ausgabe  (ZEIT Campus 2017 H. 6, S. 67-73)